Aufnahme eines Jazz-Gitarren-Trios

Im Juli diesen Jahres hatte ich eine Aufnahmesession mit einem Jazz-Gitarren-Trio. Unter traumhaften Bedingungen hatten wir 4 Tage Zeit die EP der Band im Wohnzimmer des Hauses des Gitarristen in einem idyllischen Dorf vor den Toren Berlins aufzunehmen – wahrscheinlich der Traum eines jeden Musikers und Tontechnikers.

In diesem Beitrag gebe ich einen Einblick in die Mikrofonierung und gehe auf einige Mixing-Aspekte ein.

"Studio-vor-Ort"
(Das fertig eingerichtete „Studio-vor-Ort“)

Während ich die Mikrofone und meine Technik aufbaute, trafen bereits die Musiker ein. Wie bei allen Vor-Ort-Sessions musste die Tontechnik zügig eingerichtet werden, da die Musiker gleich nach dem Aufbau ihres Equipments spielen und aufnehmen wollten.
Für den kompletten Aufbau (11 Mikrofone, 2 DI-Boxen, 2 Amps, das Drumset, das Aufnahme-Rack und die komplette Verkabelung) haben wir ungefähr 2 Stunden gebraucht – eine gute Zeit! Zusätzlich haben wir zwischen Schlagzeug und Kontrabass noch eine Konstruktion aus Mikrofonständern und einem dicken Theatervorhang improvisiert, um die Übersprechungen des Schlagzeugs ins Kontrabass-Mikro zu reduzieren.
Nach dem Feintuning der einzelnen Mikrofone beim Soundcheck und dem Einrichten der Kopfhörermixe begann die Aufnahme.
Der Soundcheck ist für mich als Tontechniker bei Aufnahmen-vor-Ort immer die intensivste Phase – es geht dabei um die Balance von Klangqualität und Zeit. Mein Ziel ist, das beste Klangergebnis herauszuholen, ohne Frust bei den Musikern aufkommen zu lassen, weil es zu lange dauert.

Mikrofone Drumset
(Die Mikrofonierung des Schlagzeugs)

Das Schlagzeug habe ich mit einer typischen Drum-Mikrofonierung abgenommen: Overheads, Snare und Kick.
Zusätzlich habe ich ein „Wurst“-Mikrofon eingesetzt – mehr dazu später…

Als Overhead-Mikros kamen zwei Oktava MK012 als ORTF-Setup zum Einsatz. Ich mag diese Stereotechnik sehr: sie ist schnell aufgebaut und liefert meiner Meinung nach ein räumlicheres Stereobild als die XY-Technik. Die Overheads in AB (Spaced Pair), Mid-Side oder im „Recorderman-Setup aufzubauen kam für mich aus Zeitgründen nicht in Frage. Außerdem erschienen mir diese Stereobilder für ein Jazz-Drumset nicht geeignet – ich wollte einen kompakten, aber trotzdem realistischen Sound.

Hier ist ein Soundbeispiel der ungemixten Overheads (Panning: jeweils 70%):

Für meinen Geschmack ist der Gesamtklang des Sets sehr ausgewogen, lediglich die Snare sticht manchmal raus. Die Übersprechungen von Kontrabass und Gitarre sind gering und können beim Mixen noch weiter reduziert werden. Beim Mixen von Live-Recording-Situationen finde ich allerdings den Spill eher hilfreich, da er das Zusammenschmelzen der Instrumente und damit das Band-Gefühl im Mix unterstützt.

An der Snare stand ein Beyerdynamic MCE 80 TG, das für meine Ohren einen realistischeren und weicheren Klang liefert als das mittenreichere Shure SM57 – auch der Schlagzeuger war sofort begeistert. Um die HiHat-Übersprechungen einzudämmen, hab ich ein Stück Schaumstoff auf das Mikro geschoben.

Hier ein Soundbeispiel des ungemixten Snare-Tracks:

Die Kick wurde mit einem AKG Perception 220 aufgenommen (das Mikro wird auf dem Bild durch den Ständer der Overhead-Mikrofone verdeckt). Da die Kick kein Loch hatte und der Schlagzeuger einen Sound mit viel Bauch und wenig Attack haben wollte, passte ein Großmembranmikrofon sehr gut.
Später kam noch eine Subkick für straightere Grooves dazu.

Hier ein Soundbeispiel der Kick:

Das letzte Mikro am Schlagzeug war ein Shure SM57, im Sweetspot des Sets über der Kick mit der Kapsel auf die Snare gerichtet. Diese „Wurst“-Mikrofonierung stammt vom Berliner Produzenten Moses Schneider, um den Drumsound mit einem Effekt-Mikro statt einem Raummikro aufzuwerten.
Ich nutze das „Wurst“-Signal beim Mixen gern zur Verstärkung der räumlichen Tiefe.

Hier ein Video von Moses Schneider mit der „Wurst“:

Hier ein Soundbeispiel der „Wurst“:

Hier ein Soundbeispiel des gemixten Drumsounds:

Vom Kontrabass habe ich das Signal des Tonabnehmers mit einer DI-Box aufgenommen. Außerdem stand vor dem Bass zusätzlich ein RøDE NT2A Großmembranmikrofon, auf dem erwartungsgemäß viel Schlagzeug mit übertragen wurde.

Hier ein Soundbeispiel des RøDE NT2A:

Beim Mixen der beiden Bass-Signale habe ich einen Low-Pass-Filter beim Mikro-Signal und einen High-Pass-Filter beim Pickup-Signal eingesetzt. Dadurch bleiben die natürlichen Bassfrequenzen im Mikro-Signal erhalten und der hochfrequente Drum-Spill verschwindet. In Kombination mit dem Pickup-Signal, das Mitten und untere Höhen liefert, ergibt sich ein runder und präsenter Sound des Basses.

Hier ein Soundbeispiel des gemixten Kontrabasses:

Der E-Bass ging direkt in eine DI-Box und von da aus über einen Preamp (ein dbx286A) ins Interface (ein MOTU 828 Mk II).


(Die Mikros vor dem Fender)

Das Signal der E-Gitarre lief nach dem Pedalboard ebenfalls in eine DI-Box und von da aus ins Interface und in einen Fender Deluxe-Reverb-Amp. Vor dem Fender standen ein Shure SM7B und ein Audio Technica Großmembranmikrofon. Für mehr Möglichkeiten beim Mixen ging das Gitarrensignal vom Interface aus zusätzlich noch in einen zweiten Amp, der mit einem Sennheiser E 906 und einem Oktava MK018 Großmembran abgenommen wurde.
Damit keine E-Gitarre in den Bass- und Schlagzeugmikros zu hören ist, standen beide Amps in separaten Räumen.

Hier ein Soundbeispiel des ungemixten Shure SM7B am Fender:

Hier ein Soundbeispiel des Audio Technica Großmembranmikros:

In beiden Signalen überwiegen die tiefen Mitten und der Nahbesprechungseffekt ist sehr stark. Die Lautstärke des Schlagzeugs im Hintergrund ist in Ordnung.
Beim Mixen habe ich hauptsächlich das SM7B mit einem kleinen Anteil vom Audio Technica benutzt. Mein Fokus lag auf dem dunklen Jazzton der Gitarre, den ich behalten aber klarer und präsenter haben wollte.

Hier ein Soundbeispiel der gemixten E-Gitarre:

Das war auch schon die Mikrofonierung der Aufnahmesession.

Neben den Instrumenten kommen noch Synthesizer und verschiedene akustische Instrumente als Overdubs dazu.
Wenn die EP fertig ist, gebe ich auf www.wilckaudio.de Bescheid!

Vielen Dank fürs Lesen – über ein Feedback in den Kommentaren würde ich mich freuen!


(Mein Arbeitsplatz während der Session)

(Die gemixten Soundbeispiele hab ich aus dem fertigen Mix herausgenommen und gemeinsam mit den unbearbeiteten Spuren auf eine ähnliche Lautstärke gebracht. Alle Tracks sind im mp3-Format.)

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